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Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor, Martin Baltscheit (Text, Illustration)
In der Fabel ist der Fuchs schlau, hinterlistig, wild auf Gänse, Hasen und Hühner und fürchtet nur den Jäger und den Hofhund. So war der Fuchs in Martin Baltscheits Bilderbuch Der Fuchs, der seinen Verstand verlor früher auch einmal: Er sah gut aus, war gewitzt und „rot und schnell und immer hungrig“ – ein anerkanntes Vorbild. Für die jungen Füchse dozierte er allwöchentlich über Tipps und Tricks bei einem gemeinsamen Mahl. Kurz: Er war ein Meister seiner Branche und ein tollkühner Abenteurer. Dann wird der Fuchs alt – nicht nur graubärtig, langsamer oder kränklich, nein, er wird sehr vergesslich. Erst verwechselt er die Wochentage und geht am Mittwoch in die Kirche. Dann vergisst er auf der Jagd das Jagen und erkennt sein eigenes Spiegelbild im Fluss nicht mehr. Der vielseitige Künstler Martin Baltscheit präsentiert das Thema Demenz anschaulich, mit großer Sensibilität und ebenso viel Humor. So ist ihm ein sehr poetisches und berührendes Bilderbuch gelungen. Die rundum perfekte Gestaltung bis hin zu den ebenfalls durch Demenz aus der Reihe geratenen Seitenzahlen überzeugt ebenso wie die Geschichte mit ihrer Dichte, ihrer Intensität und dem natürlich nicht glücklichen, aber versöhnlichen Ende. Das alles wäre für einen kindlichen Leser kaum zu verarbeiten, wenn nicht Baltscheit auch hier eine Lösung gefunden hätte, ihn mit dem Schicksal des Fuchses auszusöhnen. Eine Lösung, die zugleich ein schönes Statement für soziale Verantwortung der Generationen für einander darstellt. Denn im Leben des Fuchses haben sich die Verhältnisse umgekehrt: War früher er derjenige, der den jungen Füchsen seine gesammelten Lebenserfahrungen vermittelte, kümmern diese sich nun um ihn: Sie heilen seine Wunden, seinen Verstand allerdings können sie natürlich nicht heilen. Preisträger 2011, Sparte Bilderbuch beim Deutschen Jugendliteraturpreis. Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor, Bloomsbury 2011, ISBN: 978-3-8270-5397-8, 13,90 €. Empfohlenes Vorlese-/Lesealter: ab 5 Jahren.
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Das Känguru Manifest, Marc-Uwe Kling
Comedy? Blöde. Kabarett? Öde. Der Humorkünstler Marc-Uwe Kling beweist, dass man jenseits aller Genres witzig sein kann. Zusammen mit einem kommunistischen Känguru bekämpft er den absurden Alltag - und macht sich voller Ernst über die echten Probleme in Deutschland lustig. Sie sind wieder da – das kommunistische Känguru und der stoische Kleinkünstler! Im Kampf gegen das mysteriöse Ministerium für Produktivität schrecken sie vor nichts zurück. Eine Verschwörung auf niedrigster Ebene! Spektakuläre Enthüllungen! Skandale! Intrigen! Irgendwas Abgefahrenes mit Religion! Herrlich schräge Geschichten - mit Spaß, Spannung und Schnapspralinen. Marc-Uwe Klings WG-Genosse wird aktiv. Bisher als Vietkong nur Kritiker der kapitalistischen Verhältnisse, dreht das Känguru nun wirklich auf. Es macht sich auch Gedanken über die Konsequenzen der Erderwärmung und unterbreitet praktikable Vorschläge. Uns aber läuft es bei diesem Gedanken schon kalt den Rücken runter. Der Berliner Kabarettist Marc-Uwe Kling hat mit der fiktiven Figur des Kängurus ein hervorragendes Mittel geschaffen, mit Kritik spielerisch und uneigentlich und somit ganz lässig umzugehen. Der Mann ist das zur Zeit Beste, das dem Genre widerfahren konnte. Man darf gespannt sein, wann er von den Großen der Zunft entdeckt wird. Und was Kling dann daraus macht. Das Känguru-Manifest, ISBN: 978-3548373836, Ullstein 2011, 304 Seiten, 8,99 €.
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Fast genial, Benedict Wells
Francis ist 17. Mit seiner depressiven, arbeitslosen Mutter lebt er in einem Trailerpark. Den Abschluss in der Highschool wird Francis nicht auf Anhieb schaffen. Seinen Vater kennt er nicht. Erst nach einem Selbstmordversuch seiner Mutter erfährt er, dass sie sich in einer Samenbank für Genies künstlich befruchten ließ. In der Hoffnung auf ein besseres Leben sucht Francis nach seinem Erzeuger ... Ein Bericht über eine Samenbank für Genies lieferte Benedict Wells die Anregung für dieses Buch. Fast genial ist ein flott erzählter, unterhaltsamer Roman. Aus den Initiatoren der Samenbank Robert Klark Graham und Hermann Joseph Muller machte Benedict Wells in seinem Roman den Unternehmer Warren P. Monroe und den Eugeniker Dr. Friedrich von Waldenfels. Auch ein Vorbild für den Protagonisten gab es. Der Plot von Fast genial entspricht also im Kern einer wahren Geschichte. Benedict Wells machte daraus eine unterhaltsame Roadstory mit drei grundverschiedenen Hauptfiguren. Der Roman dreht sich um Jugendliche, die auf der Suche nach ihrer Identität sind und sich mit ihren Zukunftsträumen auseinandersetzen. Ein Buch für Jugendliche und Erwachsene zugleich. Fast genial, ISBN: 978-3-257-06789-7,Diogenes 2011, 325 Seiten, 19,90 €
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Milch und Honig, Wladimir Lortschenkow
Für 4.000 € pro Person hat sich eine Gruppe von 45 gutgläubigen Bauern zwielichtigen Schleusern ausgeliefert. In einem abgedunkelten Bus hat
man sie tagelang durch die Gegend kutschiert, nun wähnen sie sich an den Pforten des Paradieses: Sie standen vor den Toren der Königin aller Städte - der Metropole Rom, Bella Italia. Man ahnt, dass irgendetwas nicht stimmen kann. Niemand kommt so schnell und so leicht ins Paradies, schon gar nicht auf der ersten Seite eines Romans. Und richtig: als die hoffnungsvollen Leute sich der Stadt nähern, stoßen sie bald auf ein Schild, dass sie willkommen heißt. Nicht auf Italienisch, sondern auf Moldawisch, nicht in Rom, sondern in Kischinau. Der Zerfall der Sowjetunion hat 15 Länder hervorgebracht, die in den Nachrichten eigentlich nur als mehr oder weniger unbequeme Gegner der Fußballnationalmannschaft in den Qualifikationsrunden für WM oder EM auftauchen. Die Reporter haben Mühe, die Namen der Spieler auszusprechen. Das unbekannteste und ärmste dieser Länder heißt Moldawien oder Moldau oder Moldova. Seine Hauptstadt: Kischinjow oder Chișinău oder Kischinau? Genau dort, in der moldawischen Hauptstadt, lebt der Schriftsteller Wladimir Lortschenkow, der allerdings kein Moldawier, sondern Russe ist. Jedenfalls schreibt Lortschenkow Russisch. In einem Interview mit einer Moskauer Zeitung erklärte der 32-jährige vor einiger Zeit, er sei der einzige moldawische
Schriftsteller, den man dringend in Russland herausgeben müsste. Wie Wladimir Lortschenkow in Milch und Honig die Balance zwischen Komik und Tragik hält, das flößt Respekt ein. Bekanntermaßen ist es sehr viel einfacher, tränendrückerische Melodramen über das Elend der Welt zu schreiben, als komische Tragödien. Milch und Honig,Atrium Verlag 2011, 218 Seiten, 18,00 €.
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Alles inklusive, Doris Dörrie
Im Sommer 1976 verbringt Ingrid einige Wochen mit ihrer Tochter Apple in Torremolinos, um selbst gebastelten Schmuck zu verkaufen. Sie beginnt eine Affäre mit Karl Birker, der dort mit seiner Ehefrau und dem Sohn in einem Ferienhaus wohnt. Als Heike Birker merkt, dass sie betrogen wird, nimmt sie sich das Leben. 30 Jahre später treffen Ingrid, Apple, deren Freundin Susi, Karl und dessen Sohn Tim, der sich jetzt Tina nennt, wieder in Torremolinos zusammen ... Die burleske Gesellschaftssatire Alles inklusive besteht aus mehreren locker miteinander verbundenen Episoden. Ein Rahmen ergibt sich daraus, dass die erste und die letzte Episode im selben Ferienhaus in Torremolinos spielen, wenn auch im Abstand von dreißig Jahren. Doris Dörrie erzählt in dem Roman abwechselnd aus den Blickwinkeln von Apple, Ingrid, Susi und Tim/Tina. Das ist reizvoll, weil sich diese Perspektiven hin und wieder ergänzen und erst in der Zusammenschau ein fertiges Bild ergeben. Alles inklusive, ISBN: 978-3-257-06781-1,
Diogenes 2011, 251 Seiten, 21.90 €
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Der Hals der Giraffe, Judith Schalansky
Eine Biologielehrerin kämpft für die Einhaltung der Naturgesetze, verrenkt sich den Hals nach unerreichbaren Früchten und fällt am Ende vom Glauben an Gott Darwin ab. Schauplatz der Geschichte ist eine der irrwitzigsten Anstalten dieser Welt: die Schule. Anpassung ist alles, weiß Inge Lohmark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. Inge Lohmark bringt den letzten noch vorhandenen Schülern in Vorpommern, einem Landstrich, den die Natur sich allmählich von den Menschen zurückerobert, die Gesetze der natürlichen Auslese bei: Wer sich nicht anpasst, bleibt auf der Strecke. Darum züchtet ihr Mann, der vor der Wende erfolgreich Kühe besamt hat, jetzt Strauße, darum ist ihre Tochter vor Jahren nach Amerika gegangen, und darum macht das Gymnasium in der Kleinstadt demnächst zu. Außerhalb des Klassenzimmers muss Inge Lohmark dann allerdings feststellen, dass sich die Gesetze der Natur auch gegen den wenden können, der sie am besten zu verstehen glaubt. Als sie Gefühle für eine Schülerin der 9. Klasse entwickelt, die über die übliche Hassliebe für die Jugend hinausgehen, gerät ihr biologistisches Weltbild ins Wanken. Mit immer absonderlicheren Einfällen versucht sie zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Der Hals der Giraffe, ISBN: 978-3518421772, Suhrkamp 2011, 224 Seiten, 21,90 €.
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Tschüss, kleines Muffelmonster, Julia Boehme und Franziska Harvey
Eine wunderschöne Geschichte rund um das süße Muffelmonster, das von schlechter Laune geplagt wird, bietet diese Kinderbuch-Empfehlung. Eines Tages taucht vor Moritz’ Bett ein kleines, knuffiges und schwarzes Monster auf, das unter schlechter Laune leidet. Moritz versucht mit allerlei Tricks, das Muffelmonster aufzuheitern, doch es will ihm einfach nicht gelingen – das Monster ist einfach zu schlecht gelaunt. Als Moritz mit seinem Latein am Ende ist, erfährt die Geschichte eine überraschende Wendung. Das Muffelmonster-Buch ist eine liebevoll gestaltete und hinreißende Geschichte, die vor allem aufgrund der schönen Zeichnungen sowohl Eltern als auch Kindern viel Spaß bereitet. Sie enthält jede Menge Tipps gegen schlechte Laune, die schließlich auch zum gewünschten Ergebnis führen. Neben Kurzweil und guter Unterhaltung wird hier die Botschaft vermittelt, dass man auch mal schlecht gelaunt sein kann und dass die gute Laune mit Sicherheit wiederkommt – oft sogar schneller als man denkt. Tschüss, kleines Muffelmonster, ISBN: 978-3401096063, Arena, 2011, 32 Seiten, 12,99 €. Empfohlenes Vorlese-/Lesealter: 4- 6 Jahre.
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Ruf der Tiefe, Katja Brandis und Hans-Peter Ziemek
Eine Geschichte vom geheimnisvollsten Ort der Erde – und eine faszinierend reale Vision unserer nahen Zukunft. Mit seinen 16 Jahren ist Leon bereits ein Profi: Er gehört zur Elite der Flüssigkeitstaucher, die sich auch in 1000 Meter Tiefe frei bewegen können. Zusammen mit Lucy, einem intelligenten Krakenweibchen, sucht Leon nach Rohstoffen am Meeresgrund. Die Tiefsee ist sein Zuhause, viel vertrauter als das oben. Doch dann scheint das Meer verrücktzuspielen: Am Grund breiten sich Todeszonen aus, massenhaft ergreifen die Wesen der Tiefe die Flucht nach oben, an Land bricht Panik aus. Bei einem verbotenen Tauchgang kommen Leon und Lucy einem fatalen Experiment auf die Spur – und stehen plötzlich auf der Abschussliste eines mächtigen Konzerns. Ausgerechnet Carima, eine junge Touristin von oben, erweist sich als Leons einzige Verbündete … Denn bei aller Spannung wird in dem Science-Fiction-Roman auch viel Wissenswertes über den Ozean und seine Ausbeutung vermittelt. Frankfurter Rundschau Sachverstand untermauert diesen rasanten, spannenden Roman vor faszinierender Kulisse. Darmstädter Echo Ruf der Tiefe, ISBN: 978-3407810823, Beltz, 2011, 414 Seiten, 16,95 €. Empfohlenes Lesealter: 14 - 17 Jahre.
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Adams Erbe, Astrid Rosenfeld
Berlin, 2004. Edward Cohen, Besitzer einer angesagten Modeboutique, hört seit seiner turbulenten Kindheit immer wieder, wie sehr er Adam gleicht – seinem Großonkel, den er nie gekannt hat, dem schwarzen Schaf der Familie. In dem Moment, in dem Edwards Berliner Leben in tausend Stücke zerbricht, fällt ihm Adams Vermächtnis in die Hände: ein Stapel Papier, adressiert an eine gewisse Anna Guzlowski. Berlin, 1938. Adam Cohen ist ein Träumer. Aber er wächst als jüdischer Junge in den dreißiger Jahren in Deutschland auf, und das ist keine Zeit zum Träumen. Selbst wenn man eine so exzentrische Dame wie Edda Klingmann zur Großmutter hat, die ihren Enkel die wichtigen Dinge des Lebens gelehrt hat – nur das Fürchten nicht. Als Adam mit achtzehn Anna kennenlernt, weiß er, wovon seine Träume immer gehandelt haben. Doch während die Familie Cohen die Emigration nach England vorbereitet, verschwindet Anna in der Nacht des 9. Novembers 1938 spurlos. Wo soll Adam sie suchen? Sechzig Jahre später liest Edward atemlos Seite um Seite und erfährt, wie weit Adam auf seiner Suche nach Anna gegangen ist... Bewegend und mit unerschrockenem Humor erzählt Astrid Rosenfeld von Schicksalen und großen Gefühlen und davon, wie die Vergangenheit die Gegenwart durchdringt. Ein literarisches Debüt, das einen bunten Faden über Generationen und Jahrzehnte hinweg spinnt und Interesse weckt. Astrid Rosenfeld webt zwei Leben zu einem fesselnden Roman, in dem die Vergangenheit die Gegenwart durchdringt.Buchkultur Adams Erbe, ISBN: 978-3257067729, Diogenes, 2011, 400 Seiten, 21,90 €.
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Ich Tarzan - Du Nickless!, Marie-Aude Murail
Damit Jean-Charles Deutsch lernt, verbringt seine Familie die Ferien auf einem deutschen Campingplatz. Er soll mal so richtig in der Sprache baden, sagt sein Vater, doch Jean-Charles träumt eher vom Baden im Meer. Als er einen Jungen in seinem Alter kennenlernt und sich mit ihm unterhalten soll, erfindet er aus Spaß eine Fantasiesprache und gibt diese seinen Eltern gegenüber als Holländisch aus. Und so ersinnt er ein Wort nach dem anderen: Sprott heißt Blume, Schrappatt Zelt und sich selbst nennt er Ichtazan. Die Eltern sind stolz auf ihren begabten Sohn und grüßen die vermeintlich niederländischen Nachbarn nun auch in deren Sprache (Holla-i!). Jean-Charles und sein neuer Freund finden mit Hilfe der neuen Sprache sogar ihre verschwundenen Schwestern wieder – ja, Fremdsprachen sind sehr nützlich!
Marie-Aude Murail erzählt die wunderbar verrückte Geschichte einer Ferienfreundschaft, die zu lesen großen Spaß macht! Dazu eine Leserstimme: Ich habe das Buch nicht nur gelesen, sondern genossen und mich beim Lesen gekugelt vor Lachen. Die Fantasie von Jean-Charles bzw. Ichtazan in Sachen Neukreation von Holländisch ist einfach phänomenal.Cem Özdemir, Berlin. Das meint die Presse: Eine herzerfrischend komische Feriengeschichte, die Kinderwitz gegen Eltern ausspielt und Lerneifer und väterliche Ansprüche auf die Schippe nimmt.Heide Germann, Darmstädter Echo. Ich Tarzan - Du Nickless!, ISBN: 978-389565-2271, Moritz, 2011, 64 Seiten, 9,95 €. Empfohlenes Vorlese-/ Lesealter: ab 8 Jahren.
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Nichts, Janne Teller
Lehrer sagten, dieses Buch ist schädlich. Die Dänin Janne Teller hat den ungewöhnlichen und hoch umstrittenen Jugendroman Nichts geschrieben. Im Interview spricht sie über Nihilismus und sinnlose Konventionen der Erwachsenen. Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun. Mit diesen Worten schockiert Pierre alle in der Schule. Um das Gegenteil zu beweisen, beginnt die Klasse alles zu sammeln, was Bedeutung hat. Doch was mit alten Fotos beginnt, droht bald zu eskalieren: Gerda muss sich von ihrem Hamster trennen. Auch Lis Adoptionsurkunde, der Sarg des kleinen Emil und eine Jesusstatue landen auf dem Berg der Bedeutung. Als Sofie ihre Unschuld und Johan seinen Zeigefinger opfern mussten, schreiten Eltern und Polizei ein. Nur Pierre bleibt unbeeindruckt. Und die Klasse rächt sich an ihm ... Eine erschütternde Parabel über das Erwachsenwerden, Erziehung und Gewalt in unserer Gesellschaft. Die Parabel ist von einer ungeheuren Wucht, bezwingend in ihrer Logik und erhellend. Jeder Jugendliche kennt die Fragen, die Janne Teller stellt - doch selten werden sie so radikal zu Ende gedacht. Die Autorin hütet sich vor einfachen Antworten und gibt - zwischen den Zeilen - vorsichtig Antworten: Pierre Anthon sieht das Leben nur aus einer großen Perspektive. Wenn er sagt, die Erde ist 4 Mrd. 600 Mio Jahre alt, aber ihr werdet höchstens 100, das Leben ist die Mühe überhaupt nicht wert, ist es sehr schwer, ihm zu antworten. Aber wenn man sein Leben lebt, lebt man nicht in dieser Perspektive. Wir leben hier und jetzt und für mich genügt das. Wenn sterben so leicht ist, dann deshalb, weil der Tod keine Bedeutung hat, rief er. Und wenn der Tod keine Bedeutung hat, dann deshalb, weil das Leben keine Bedeutung hat. Genau das widerlegt Janne Teller mit ihrem fulminanten Buch. Nichts, ISBN: 978-3446235960, Hanser, 2010, 144 Seiten, 12,90 €. Empfohlenes Lesealter: 14 - 17 Jahre.
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Gesichertes, Hanna Lemke
In Hanna Lemkes Erzähldebüt Gesichertes geht es um genau dieses Gefühl, das sich wie bei Peter Kurzeck hinter Banalitäten und kleinen Spleens versteckt und dessen herzzerreißende Dramatik immer dann aufbricht, wenn alles ruhig und vorhersehbar scheint: beim Aufräumen und Bettenmachen, auf einer harmlosen Party oder beim Besuch einer alten Schulfreundin. Hanna Lemkes jugendliche Figuren sind zwar nicht durch einen Schicksalsschlag aus ihrem Leben herauskatapultiert worden wie Peter Kurzecks Erzähler, aber die Anfangsgeschichte des Bandes (Eingeladen) liest sich wie eine schwesterliche Hommage an ihn: Alles bleibt offen in dieser Geschichte, man erfährt weder, wer oder was dieser ältere Mann namens Holm ist, noch, was für einen Sinn sein Laden hat, der wie ein Wohnzimmer aussieht. Er engagiert die Erzählerin als Aushilfe, aber es gibt nichts zu tun, sie soll ihn nur erwarten, wenn er völlig erschöpft von seinen Ausflügen zurückkommt. Dass er seine Familie besucht, stellt sich eher zufällig heraus, und genauso unvermittelt beginnt er, über seine Ängste zu sprechen. Als die junge Frau sich in ihn verliebt, entlässt er sie.
In einem ganz bestimmten, verführerisch lakonischen Ton sind diese kurzen, rätselhaften Geschichten erzählt, und die junge Autorin – Gesichertes ist ihr erstes Buch – bringt das Kunststück fertig, fast ohne Psychologie und atmosphärischen Zierat auszukommen. Trotzdem sind ihre Geschichten ungeheuer lebensprall und bildhaft. Hanna Lemke ist nicht nur eine Meisterin der Eröffnungssätze, sondern auch eine Spezialistin für raffinierte Reduktionen: Je knapper die Sätze, je größer die Aussparungen.
Gesichertes, ISBN: 978-3888976421, Kunstmann, 2010, 192 Seiten, 17,90 €.
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Reckless, Cornelia Funke
Reckless erzählt von zwei Brüdern, die aus dem New York unserer Zeit in eine Parallelwelt gelangen, in der die Motive der Grimmschen Märchen überall präsent sind und gleichzeitig die Industrialisierung Einzug gehalten hat – sehr schön kommt das in einem Kapitel zusammen, das vom inneren Monolog einer Fee berichtet, die im Luxusabteil eines dampfbetriebenen Sonderzugs durch die Lande fährt. Es beginnt mit Es war einmal, endet mit Und wenn sie nicht gestorben sind, die Brüder heißen Jacob und Will – deutlicher könnte man die Bezüge nicht markieren, von der aus man seine Welt erschafft.
Deutschtümelnd romantisierend aber ist nichts an Reckless, im Gegenteil: Aus jeder Zeile spricht die Freude der Autorin am Sprachspiel aus jenem milden Fremdheitsgefühl heraus, das ein kalifornisches Umfeld offenbar verschafft: Rieslinge sind da keine edlen Tropfen, sondern eben Bastarde von Riesen. Wir erfahren von Abenteurer-Accessoires wie dem Rapunzelhaar (fester als das festeste Seil, dabei winzig und selbstklebend). Das Tischleindeckdich und der Knüppelausdemsack haben ebenso ihre Auftritte wie Zwerge, Feen und Einhörner. Doch unverbindlich ist da nichts, die Autorin – und das ist ihr großes Verdienst – macht Ernst in der Märchenwelt, nicht nur in ihrer trostlosen Version vom mumifizierten Dornröschen. Wer hier nicht höllisch Acht gibt, kommt ganz schnell unter die Räder, ein Leben zählt nichts, wo nachts rund ums Hexenhaus ein mörderischer Schneider mit seinen klappernden Scheren umgeht, und es gibt nichts umsonst. Wer eine Gunst fordert, wer Magie bemüht, Feen um Hilfe bittet oder mit den aggressiven Steinmenschen, den Goyl, verhandelt, der muss früher oder später dafür bezahlen. Reckless, ISBN: 978-3791504858,
Dressler Verlag, 346 Seiten, 19,95 €. Empfohlenes Lesealter: 13 - 16 Jahre.
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Oma, Emma, Mama, Lorenz Pauli und Illustration Kathrin Schärer
Emma ist Emma. Und Mama ist ihre Mama. Und Oma ist Emmas Oma. Aber auch Mamas Mama. Damit auch wirklich klar ist, wer wer ist, sieht man die drei groß auf einem Ast sitzen: Oma Chamäleon mit der Brille, Mama und die kleine Emma mit ihrer Puppe im Arm – eine Chamäleon-Puppe selbstverständlich. Auf der nächsten Seite beginnt dann die eigentliche Geschichte, jedoch muss man das Bilderbuch erst einmal um 90 Grad drehen, um weiterlesen zu können. Emma möchte mit Oma verstecken spielen, die das aber für völlig unnötig hält, da man Chamäleons ohnehin so gut wie gar nicht sieht. Das Chamäleon-Kind ist frustriert: Wenn ich eine Idee habe, dann macht niemand mit. Und wenn ich etwas alleine machen will, dann darf ich nicht. Das sieht Oma ein und beginnt laut zu zählen, während Emma sich auf die Suche nach dem perfekten Versteck macht. Eine liebenswürdige Geschichte, die durch die ungewöhnlichen Titelfiguren und tolle Illustrationen besticht. Oma, Emma, Mama, ISBN: 978-3715206073, Atlantis, Orell Füssli, 2010, 32 Seiten, 14,90 €. Empfohlenes Vorlesealter/Lesealter: 5 - 7 Jahre.
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Die Freibeuterstrategie, James Marcus Bach
Ist Bildung die Summe der Stunden, die wir in Klassenzimmern verbringen? Sind gute Noten der einzige Weg zum Erfolg? Wie geht das wirklich: fürs Leben lernen? Als James Bach mit vierzehn Jahren sein Elternhaus verließ und kurz danach die Schule schmiss, wurden diese Fragen plötzlich existenziell. Sein Scheitern in Leben und Beruf schien vorprogrammiert - fünf Jahre später war er leitender Manager bei Apple und gesuchter Software-Experte. Der Grund für seinen Erfolg: die Freibeuterstrategie, ein lustvolles Selbstbildungsprogramm für Autodidakten.
Was machen Freibeuter anders? Sie lernen nach eigenem Kompass statt nach starren Lehrplänen, folgen ihrer Neugier, ihren Interessen, ihrer Leidenschaft. Sie lernen, was sie wollen, wann sie es wollen. Wissen ist für sie kein Faktenfriedhof, sondern etwas, mit dem man konkrete Probleme löst. Bildung ist der Teil ihrer Persönlichkeit, der sich aus selbstbestimmtem Lernen entwickelt. Statt sich Autoritäten zu beugen, kreuzen sie frei auf den Weltmeeren des Wissens. Jeder kann zum Freibeuter des Wissens werden, sagt Bach und gibt jede Menge unkonventionelle Tipps, wie man lebenslang lustvoll lernt und damit auch im Beruf Erfolg hat. Sein ideensprühendes, lebenskluges Buch ist ein Befreiungsschlag in der Bildungsdebatte und ein Vademecum für alle, die an den Zwängen eines Schulsystems verzweifeln und sich die Freiheit und Leidenschaft des Lernens zurückerobern wollen. Ein Muß in jeder Schulbibliothek, wenn es wieder einmal um die Erfüllung von Zielvorgaben aus Lerninhalten geht. Die Freibeuterstrategie, ISBN: 978-3888976469, Kunstmann, 2010, 232 Seiten, 18,95 €.
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Zehn, Franka Potente
Die zehn kurzen Geschichten spielen in Japan. Das Japan in Zehn ist still, demütig, ergeben. Es sind die Menschen des alten Japan, die im neuen Japan verloren sind. Franka Potente kennt das Land, seit sie 2005 für den Dokumentarfilm Underground Art nach Tokio gereist war, und offensichtlich haben es ihr gerade Rigidität und konservativer Traditionalismus angetan, die in Kalifornien oder Berlin nie existiert haben oder längst untergegangen sind. Potentes Sprache ist schlicht, sie mag keine Adjektive, sie mag keine Emotionen. Gefühle kommen auf Filzpantoffeln daher, sie werden über Kotatsus, beheizten Tischen, auf kleiner Flamme genährt, und wenn sie dann doch mal einen der Protagonisten zu übermannen drohen, wenn plötzlich eine laute, unkomplizierte Ausländerin einem schüchternen, sehnsüchtigen japanischen Jungen zu nahe kommt, dann zieht der die Reißleine. Er stand nur da, überrascht und erstarrt. Aber ganz offenbar zielt sie auch auf ihre eigene, auf unsere Welt, wenn sie Tetsuo, den schüchternen japanischen Jungen, denken lässt: Er hatte sich übernommen.
Mit dem Buch lässt sich Eintauchen in die fernöstliche Welt immer dem Bewusstsein, der Blick darauf ist europäisch. Zehn, ISBN: 978-3492054232, Piper, 2010, 176 Seiten, 16,95 €.
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Die Herrenausstatterin, Mariana Leky
Katja Wiesberg könnte eigentlich rundum glücklich sein: Sie hat einen guten Job, hat gerade geheiratet und hat das Gefühl, sie wäre gerade endlich irgendwie angekommen. Doch dann bricht ihr plötzlich der Boden unter den Füßen weg: Ihr Mann verlässt sie und stirbt bereits kurz darauf an den Folgen eines Autounfalls. Katjas Chef Bengt drängt Katja einen Urlaub auf, um die Trauer zu verarbeiten, doch auf den Urlaub folgt für Katja der direkte Verlust ihres Jobs. Langsam verschwimmt Katjas Welt vor ihren Augen, und sie nimmt die Dinge in ihrem Alltag immer weniger wahr. Als Katjas Leben nur noch ein einziger Trümmerhaufen ist, tauchen plötzlich zwei Männer auf, denen es gelingt, Katja wieder etwas aufzumuntern. Der eine stellt sich Katja als Dr. Blank vor, ehemaliger Professor für Latein, doch was noch viel wichtiger ist: Dr. Blank ist längst verstorben – aber für Katja ist er mehr als nur ein gewöhnlicher Geist. Und da Dr. Blank eigentlich tot ist, kann der zweite Mann, der plötzlich in Katjas Leben tritt, diesen ständigen Begleiter auch nicht wahrnehmen. Dennoch nimmt er ihn ernst, denn er erkennt, dass Katja der unsichtbare Begleiter gut tut. Um Katja, Dr. Blank und den Feuerwehrmann Armin (so der Name des zweiten Manns, der Katja unverhofft begegnet) entspinnt sich schließlich eine wunderbare Geschichte über Freundschaft, Lebensträume und tiefe Gefühle. So ist es nicht verwunderlich wenn Pressestimmen zu diesem Liebesroman z.B. lauten: Ganz große Unterhaltungsliteratur. Irre, wie Mariana Leky es hinkriegt, aus vertrauten Zutaten ein so charmantes und kurzweiliges Buch zu machen. Sie schreibt genau, ehrlich, witzig, furchtlos und erfrischend. Das perfekte Lesevergnügen! Der bezauberndste und lustigste Liebesroman seit langem. Mariana Leky hat eine traumhafte Geschichte geschrieben mit vielen schönen Ideen. Die Herrenausstatterin ist ein Buch für alle, deren Leben etwas merkwürdiger ist und die trotzdem nicht aufgeben. Die Geschichte ist märchenhaft und versponnen, aber überhaupt nicht kitschig. Die Herrenausstatterin, ISBN: 978-3832195779, Dumont Verlag, 2010, 208 Seiten, 18,95 €. Ab 24. August 2011 auch als Taschenbuch erhältlich ISBN: 978-3832161651, 9,99 €.
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Trix Solier, Sergej Lukianenko
Trix hat es nicht leicht, eben noch war er ein junger Adeliger, der gerne die alten Chroniken über seine ruhmreichen Vorfahren durchwühlt, im nächsten Moment befindet er sich auf der Flucht. Der Co-Herzog Gris hat seine Eltern getötet und Trix Solier sein Zuhause genommen. Natürlich will Trix sich rächen und das Herzogtum zurückerobern, aber das ist deutlich schwieriger als gedacht. Die adeligen Nachbarn interessieren sich eher wenig für den jungen Solier und so muss er sich andere Verbündete suchen. Und diese sorgen dafür, dass die Geschichte zu einem waschechten Abenteuer wird – wäre auch nicht anders zu erwarten bei einem Viertel-Zwerg-Ritter, einem unechten Piratenkapitän, dem unordentlichen Zauberer Sauerampfer und einer rauschkrautsüchtigen Fee. Sergej Lukianenko verbindet alle diese Gestalten zu einem zauberhaften Roman. Trix Werdegang vom Flüchtling zum Zauberer fesselt, so wie es sich für eine Abenteuergeschichte gehört. Der Schreibstil ist meist eher einfach gehalten, das Buch lebt von seinen Charakteren und seinem Humor. So darf der Leser mitverfolgen, wie die erste Fast-Food-Kette geplant wird oder wie sich Trix auf höchst einfallsreiche Arte gegen den bösen Zauberer Gravar durchsetzt. Außerdem glänzt “Trix Solier” durch seine Originalität und den Einfallsreichtum Lukianenkos. Eine tolle Mischung aus Witz, Magie und Humor mit einem Schuss Spannung. Das Buch ist ein Jugendbuch, aber nicht nur für ebendiese geeignet, sondern für alle Fantasie-Begeisterten, die auf eine Portion Humor nicht verzichten wollen. Trix Solier, ISBN: 978-3407810748, Beltz Verlag, 2010, 584 Seiten, 17,95 €. Empfohlenes Lesealter: 12 - 15 Jahre.
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Johanna im Zug, Kathrin Schärer
Gerade eben erst wurde das Schweinchen erfunden, schon macht es Ansprüche geltend: Es brauche einen Namen und ein Hemd, aber nicht mit Blümchen, sondern gefälligst mit Streifen und unbedingt auch einen dunklen Fleck auf der Schulter! An seiner Entstehung nimmt der Leser staunend teil, wenn er sieht, wie am Schreibtisch einer Zeichnerin der Beginn von Johanna im Zug entsteht. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr tritt der in detaillierten Schwarzweiß-Zeichnungen dargestellte Schaffensplatz in den Hintergrund und gibt den Raum frei für die malerisch dargestellte Welt der Fiktion in der Fiktion. Wenn Johanna und ihre Schöpferin Wörter und Figuren erfinden und die Geschichte weiterspinnen, gewährt das Bilderbuch Kindern Einsichten in das schillernde Wesen der Fiktion. Mit einem aufmerksamen Blick für die Abenteuer, die eine Eisenbahnreise in sich birgt, verleiht Kathrin Schärer in ihrer bilderreichen Erzählung einem bekannten Motiv ganz individuelle Züge.
Johanna im Zug, ISBN: 978-3715205823, Atlantis, 2009, 46 Seiten, 14,90 €. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010, Sparte Bilderbuch. Empfohlenes Vorlesealter: ab 4 Jahren.
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Die Einsamkeit der Primzahlen, Paolo Giordano
Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren, wo er auch Physik studierte und lehrte. Nach einigen Kurzgeschichten und Auftritten auf Literaturfestivals feierte er mit Die Einsamkeit der Primzahlen ein sensationelles Romandebüt. Ein einziger Tag in ihrer Kindheit, so scheint es, hat über ihr ganzes Leben entschieden. An einem solchen Tag verlor Alice für immer ihre Unbeschwertheit und das Vertrauen zu ihrem halsstarrigen Vater. Mattia hingegen verlor mit sechs Jahren seine Schwester, deren Hilfsbedürftigkeit er ein einziges Mal, für wenige Stunden, missachtet hatte. Seither quälen ihn Schuldgefühle, die er niemandem offenbart.
Sieben Jahre später lernen Mattia und Alice sich auf dem Gymnasium kennen. Die Anziehungskraft zwischen den beiden scheint unwiderstehlich. Jeder erkennt im anderen die eigene Einsamkeit. Alice ist der einzige Mensch, dem Mattia wenigstens einmal seinen Schmerz zu offenbaren wagt. Paolo Giordano findet unvergessliche Bilder für die verschlungenen Wege, auf denen die Dramen der Kindheit in uns fortwirken. Seine Prosa verwandelt auf magische Weise Schmerz in Trost. Ausgezeichnet mit Italiens renommiertestem Literaturpreis – dem »Premio Strega«. Mit 26 Jahren ist Paolo Giordano der jüngste Gewinner aller Zeiten. Die Einsamkeit der Primzahlen, ISBN: 978-3453408012, Heyne, 2010, 368 Seiten, 8,99 €.
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furchtbar lieb, Helen FitzGerald
Krimi oder Frauenroman oder Frauenkrimi oder egal?
Dieses Buch wird erfolgreich sein, denn es enthält alle Elemente eines guten Kriminalromans, bietet genug Identifikationsfläche für Frauen um die 30 – gerne Akademikerinnen aus dem sozialen Bereich – und ist so richtig frech, sprich: die Protagonistin ist witzig und unkonventionell. Der Klappentext ist toll: Krissy erkennt sich selbst, als sie im Zelt neben dem Ehemann von ihrer besten Freundin Sarah liegt und dessen Sperma schluckt. Wenn es denn bei der Selbstfindung hilft?! Dann schleift sie ihre beste Freundin tot über einige Steinklippen, nachdem sie sie umgebracht hat. Wer jetzt nicht getriggert ist, den kann nichts mehr schocken, oder? Krissy ist alleinerziehende Mutter, leidet an einer postnatalen Depression, und ihre beste Freundin seit dem Kindergarten ist Sarah, die mit dem perfekten Ehemann verheiratet ist, ein perfektes Haus und einen Kontrollzwang hat. Sarah versucht seit mehreren Jahren verzweifelt schwanger zu werden, und Krissy wird Mutter durch einen zugedröhnten One-Hour-Stand. Das ist ungerecht, findet Sarah, und die Freundschaft der beiden leidet. Mit ihrem Debütroman furchtbar lieb ist der in Schottland lebenden Helen FitzGerald ein temporeicher, trashiger Thriller gelungen, eine gelungene Mischung aus anrührenden Momenten, Situationskomik und brutaler Action. furchtbar lieb, ISBN: 978-3869710105, Galiani, 2010, 238 Seiten, 14,95 €.
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Ruhm, Daniel Kehlmann
Neun Geschichten, alle unabhängig voneinander zu lesen, aber doch miteinander verwoben. Nach dem Weltbestseller Die Vermessung der Welt bietet Daniel Kehlmann dem Leser nun etwas völlig anderes und beweist, dass er zurecht als großer Autor gefeiert wird. Alles beginnt mit einem Handy. Und Herrn Ebling, der eigentlich nie eins dieser modernen Kommunikationsmittel wollte, sich letztlich aber doch dem Druck seiner Umgebung beugt. Bei der Vergabe seiner Handynummer ist der Telekommunikationsfirma allerdings ein Fehler unterlaufen, denn die Nummer scheint bereits vergeben zu sein. Immerzu erhält Ebling Anrufe von fremden Menschen, die ihn für jemand anderes halten. Das Leben dieses Jemand erscheint Ebling bald aber interessanter als sein eigenes. Eines Tages beschließt er, die Anrufe anzunehmen und die Identität des Unbekannten anzunehmen. Und damit ändert sich das Leben vieler Menschen…
Ruhm besticht insbesondere durch seine sprachliche Qualität. Der Autor mischt dabei scheinbar mühelos niedere und hohe literarische Stile. So nimmt man Kehlmanns Autor die blumenhafte Sprache ebenso ab, wie die beinahe adjektiv- und verblose Sprache des Bloggers. Kehlmann ist ein großer Erzähler und reflektiert die Themen der Zeit. Ruhm, ISBN: 978-3499249266, rororo, 2009, 208 Seiten, 8,95 €.
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Das Gegenteil von oben, Oliver Uschmann
Das Leben ist eine Zumutung. Findet Dennis. Verliebt sein, Sohn sein, einziger Beobachter eines Verbrechens sein – interessiert es jemanden, dass er damit überfordert sein könnte?
Oliver Uschmanns neuester Roman: ein Leckerbissen für Freunde abgründigen Humors und nervenaufreibender Spannung. Keine Wahl zu haben, ist nicht so schlimm. Es entlastet.
Wäre es nicht so traurig, könnte Dennis darüber lachen: Stress zu Hause, Stress in der Schule, Stress mit Mädchen – sein Leben verläuft geradezu absurd berechenbar. Doch als dann über Nacht der Nachbarsjunge verschwindet, rücken die kleinen Dramen des Alltags in den Hintergrund. Denn Dennis kommt der Verdacht, dass der Junge Opfer eines Verbrechens geworden ist. Dennis hat keine Wahl: Er beginnt, Nachforschungen anzustellen, und findet immer mehr Hinweise auf eine schreckliche Tat. Um endlich Gewissheit zu haben, wagt er sich in die Höhle des Löwen: Im Keller des Nachbarhauses kommt es zu einer Begegnung, die alles verändert. Das Gegenteil von oben, ISBN: 978-3839001325, Skript5, 2009, 336 Seiten, 8,95 €. Empfohlenes Lesealter: ab 16 Jahren.
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Simpel, Marie-Aude Murail
Ohne seinen Stoffhasen geht gar nichts. Er heißt Monsieur Hasehase und wehe einer nennt ihn nur Hasehase ohne Monsieur. Dann kann Simpel ganz schön sauer werden. Eigentlich heißt er Barnabé aber der Name Simpel hat sich in den Augen der meisten bewährt: schließlich ist Barnabé bereits 22 Jahre alt und geistig behindert. Marie-Aude Murail wagt sich humorvoll damit umzugehen und erzählt ebenso direkt wie einfühlsam von den Problemen, die das Leben mit einem behinderten jungen Mann, der auf der geistigen Entwicklungsstufe eines Dreijährigen steht, körperlich aber ausgewachsen ist mit sich bringt. Die wechselnden Gefühle seines Bruders Colbert, dessen Last der Verantwortung ihn zu erdrücken droht, berühren und überzeugen. Man liest mit einem lachenden und einem weinenden Auge, freut sich an den kleinen Wundern, die Simpel auf seine ganz eigene Art bewirkt. Simpel, ISBN: 978-3596806492, Fischer, 2009, 304 Seiten, 7,95 €. Empfohlenes Lesealter: 12 - 15 Jahre.
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Abspringen, Tobias Elsäßer
Der 14-jährige Paul hat sich bisher eigentlich nur für Sport und Fotografie interessiert, doch das ändert sich schlagartig, als seine Hormone sich zu Wort melden. Von da an ist alles anders Ich fühlte mich wie ein Roboter, der blinkt und ruckelt, sobald er ein gesuchtes Objekt identifiziert hatte. In meinem Fall handelte es sich dabei um Hüften, Hinterteile und Busen, in allen erdenklichen Formen und Größen. Seine große Schwester Jana ist Paul keine Hilfe. Sie ist total durchgeknallt (was das Buch aber sehr lustig macht) und sagt, sie sei auf Arschlöcher programmiert. Schließlich landet Paul beim Psychiater, weil seine Mutter glaubt, dass er hyperaktiv ist. Dort im Wartezimmer lernt er Kira kennen. (das ist übrigens einer meiner Lieblingsszenen, aber ich verrate nicht warum). Jedenfalls verliebt er sich in das seltsame Mädchen. Mehr will ich nicht sagen. Nur so viel: es ist lustig und traurig und genau wie der Vorgänger Ab ins Paradies gut zu lesen. Abspringen, ISBN: 978-3794180912, Sauerländer, 2009, 269 Seiten, 14,90 €. Empfohlenes Lesealter: 13 - 16 Jahre.
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Corpus Delicti, Juli Zeh
Wir schreiben das Jahr 2057. Grundlage des gesamten Staatswesens ist die Methode geworden: Eine Gesundheitsdiktatur. Alles wird kontrolliert. Der Staat zwingt seine Bürger zu radikalster Vorsorge, verlangt die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten und behandelt selbst das Rauchen einer Zigarette als Delikt. Darf man, muss man dagegen Widerstand leisten?
Zwei Sicherheitswärter in grauen Uniformen haben sie hereingebracht, sich in aller Höflichkeit für die Unannehmlichkeiten entschuldigt und beim Verlassen des Raums leise die Tür geschlossen. Jetzt sitzt Mia mit nacktem Oberkörper und leerem Blick im Untersuchungsstuhl. Von Handgelenken, Rücken und Schläfen hängen Kabel. Ihre Herztöne, das Rauschen des Bluts in den Adern, die elektrischen Impulse der Synapsen sind zu hören – ein Orchester von Wahninnigen, das die Instrumente stimmt. Der Amtsarzt ist ein gutmütiger Herr mit gepflegten Fingernägeln. Er streicht Mia mit einem Scanner über den Oberarm, als wäre sie eine Bohnendose auf dem Kassenband im Supermarkt. Wie hehre ökologische und gesundheitspolitische Ziele sich verselbstständigen können und ins Brutale abgleiten, wie aus einem Vorsorge- ein Entmündigungsstaat wird, und wie bei wachen Menschen wie Mia sich Widerstand regt gegen dieses System, davon erzählt Juli Zeh in ihrer messerscharf gedachten, zwingend konstruierten und höchst beunruhigenden Novelle. Ein sehr nachdenklich machendes, also zeitgemäßes Buch!
Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren, studierte Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt Völkerrecht und absolvierte außerdem das Deutsche Literatur-institut Leipzig. Bekannt wurde sie mit ihrem in 28 Sprachen übersetzten ersten Roman Adler und Engel. Juli Zeh wurde unter anderem mit dem Ernst-Toller-Preis (2003) und dem Prix Cevennes (2008) ausgezeichnet. Corpus Delicti,
ISBN: 978-3442740666, btb, 2009, 272 Seiten, 9,95 €.
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Mancho Man, Moritz Netenjakob
Wenn es so etwas wie ein Männerbuch gibt, dann ist das so ein Exemplar. Die Geschichte hat keinen riesigen Tiefgang, aber sie hat etwas was alle Männer erlebt haben; die meisten zumindest. Sie sehen eben nicht aus wie George Clooney oder Brad Pitt und wie das beim anderen Geschlecht auch ist, den Humor haben die Schönlinge nicht gepachtet. So verhält es sich auch mit der Hauptfigur des Romans. Daniel ist der achtundsechziger Generation entsprungen: sein Vater, ein Germanistikprofessor, und seine Frau haben ihren Sohn liberal und offenherzig erzogen und zu einem höflichen und freundlichen Burschen gemacht. Jetzt sucht der Dreißigjährige in der Türkei Trost, nachdem ihn seine Freundin verlassen hat, weil er ihr zu unmännlich vorkam. Und hier in seinem Touristikhotel vergeht ihm Hören und Sehen! Er lernt Aylin kennen und verliebt sich sofort in die junge Türkin, die in seinem Hotel als Animateurin arbeitet. Was aber findet sie nur an ihm? Nun, wir werden dem Schicksal von Daniel und Aylin auf der Spur bleiben! Besseres und amüsanter und anschaulicher kann man nicht über die kulturellen Unterschiede im Umgang zwischen den Geschlechtern deutscher und türkischer Herkunft lernen. Macho Man,
ISBN. 978-3462042115, KIWI, 2009, 287 Seiten, 7,99 €.
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Kontrapunkt, Anna Enquist
Eine Mutter will die Erinnerung an ihre tragisch verstorbene Tochter lebendig erhalten. Erst als sie, die ausgebildete Pianistin, wieder beginnt, Bachs Goldberg-Variationen am Klavier einzustudieren, erkennt sie, dass ihr die intensive Auseinandersetzung mit der Musik eine Brücke zu ihrer Tochter sein kann. Benannt sind die Goldberg-Variationen nach dem Komponisten und Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg, einem Schüler Bachs. Laut einer vom Bach-Biografen Forkel überlieferten Anekdote sollte Goldberg dem russischen Gesandten am Dresdner Hof, dem Grafen Hermann Carl von Keyserlingk, aus dem Werk vorspielen, wenn dieser an Schlaflosigkeit litt. Als bekanntester Interpret der Neuzeit gilt der kanadische Pianist Glenn Gould der das Werk zweimal auf dem modernen Konzertflügel aufgenommen hat. Der faszinierende Pianist starb 1982, kurz nach seinem 50. Geburtstag an einem Gehirnschlag. Das Buch der Autorin und Pianistin führt in die Welt des Johann Sebastian Bach und seiner Zeit genau wie in die Zeit all jener Interpreten der Goldberg Variationen. Mit diesen Erfahrungen verbindet die Schriftstellerin die eigene Geschichte mit der der Mutter, die um den Tod der Tochter dauert.
Man muß Bach lieben und die Goldberg Variationen kennen oder doch schon gehört haben um im Buch den Anschluß zu halten und die Geschichte zu verstehen. Damit ist das Buch ein elitäres Werk, da es nicht jedem ohne weiteres zugänglich ist. Das aber ist auch das Reizvolle und Besondere des Buches. Es zwingt einem den Umgang mit der Musik aus der Zeit von Bach auf oder bringt einen dazu sich mit dieser Musik und Zeit auseinander zusetzen. Die Geschichte der Familie und Tochter gerät damit aber nicht in den Hintergrund oder ins Abseits. Die Mutter versteht durch die intensive Auseindersetzung und das Einstudieren der Goldberg Variationen, warum die Tochter unbedingt Opernsängerin werden wollte, obwohl ihre Begabungen doch im Mathematischen lagen und einige Knötchen auf den Stimmbändern laut den Ärzten eine große Karriere eher verhindern. Kontrapunkt, ISBN: 978-3630872827, btb 2008, 224 Seiten, 9,99 €.
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Scherbenpark, Alina Bronsky
In ihrem gelungenen Debutroman Scherbenpark verarbeitet Alina Bronsky eine wahre Geschichte, die sich in Darmstadts Süden zugetragen hat: Ein Mann erschießt seine von ihm getrennt lebende Frau und deren Liebhaber vor den Augen seiner Kinder. Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. So beginnt der aus der Perspektive der Protagonistin Sascha geschriebene Roman und gibt die Themen vor: wie bewältigt eine hochintelligente, jugendliche Außenseiterin die schreckliche Bluttat, die ihr Leben und das ihrer Geschwister in den
Grundfesten erschüttert hat, was macht das mit ihren Träumen und dem Entwurf ihres eigenen Lebens. In mitreißendem Tempo und eindrücklicher Offenlegung ihrer Gedanken und Handlungen entsteht das Bild einer jungen Frau, die zwischen Schuld, Rache und Liebe einen Weg in die Welt sucht. Scherbenpark,
ISBN: 978-3462041507, KIWI, 2008, 288 Seiten, 8,99 €.
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Taxi, Karen Duve
Taxifahrer nennen Fahrgäste Dreckhecken, sie hängen gerne miteinander in Kneipen rum und lieben ihre Unabhängigkeit. Dabei betrachten sie diesen Job als nur vorübergehende Station auf ihrem Weg zu Höherem. Auch Alex landet in diesem Job, weil sie Geld verdienen will und Abenteuer sucht. Die langweilige Versicherungsausbildung hat sie geschmissen und kutschiert nun nachts Fahrgäste durch Hamburg, immer den Stadtplan versteckt neben sich liegen lassend, weil sie sich die Straßennamen so schlecht merken kann. Alex ist jung und glaubt alle Möglichkeiten vor sich zu haben. Sie geht scheinbar keine feste Beziehung ein und nimmt sich, was sie braucht. Erst mit der Wende 1989, von der so nebenbei die Rede ist, ändert sich etwas in Alex Leben. So erfährt der Leser viel über Menschen und das Leben einer Frau in einem von Männern dominierten Beruf in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Roman umfasst in zwei Teilen den Zeitraum von 1984 bis 1986 und September 1989 bis Juni 1990. Karen Duve versteht es, den selbst-ironischen Ton der Ich-Erzählerin mit Witz zu unterhalten. In kurzen Kapiteln wirft sie Schlaglichter auf die Fahrgäste, die Taxifahrer selbst und ihre Protagonistin.
Taxi, ISBN: 978-3442469567, Goldmann Verlag, 2008,
320 Seiten, 8,95 €.
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Mieses Karma, David Safier
Kim Lange ist eine erfolgreiche Talk-Show-Moderatorin. Sie hat alles, was man sich nur wünschen kann: Sie sieht gut aus, hat Mann, Kind und hohe Einschaltquoten. Doch ihr Charakter ist nicht so positiv: Sie ist egoistisch, hat ihrer Freundin den Mann weggeschnappt und ihrer Vorgängerin den Job. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erhält sie den begehrten Fernsehpreis und
feiert diesen mit einem Seitensprung. Leider endet ihr Leben plötzlich und unerwartet – sie wird von herabstürzenden Trümmern einer russischen Raumstation erschlagen. Damit könnte schon alles zu Ende sein! Doch nun, nach dem Tod, beginnt für Kim eine aberwitzige Odyssee durch verschiedene Reinkarnationsstufen. Dabei muss sie gutes Karma sammeln, um nicht mehr als Ameise wiedergeboren zu werden und letztendlich nicht ihren Mann und ihre Tochter an ihre Ex-Freundin zu verlieren. Was sie dabei erlebt, ihr mieses Karma in Gutes zu verwandeln, beschreibt dieser Roman auf originelle, amüsante und sehr unterhaltsame Art. Mieses Karma,
Rowohlt 2008, ISBN: 978-3499244551, 283 Seiten, 8,95 €.
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Die Bücherdiebin, Markus Zusak
Dies ist ein sehr ungewöhnliches und eindringliches Buch eines jungen deutsch-australischen Autors über die NS-Zeit.
Markus Zusak setzt den Tod als Erzähler des Textes ein. Er berichtet sachlich über seine Arbeit – die Seelen der Gestorbenen wegzubringen – und wie er dabei die Hauptfigur, die kleine Liesel, kennenlernt. Der Tod erzählt dabei ganz selbstverständlich von den vielen Toten der von Menschen angezettelten Kriege. Der Titel des Romans deutet auf die zweite Besonderheit des Textes hin: Die kleine Liesel stiehlt Bücher.
Dabei scheint es weniger um die Inhalte der Bücher als um den Vorgang und den Besitz von etwas Eigenem an sich zu gehen. Das erste Buch ist eine Anleitung für Totengräber, das zweite zieht sie in der Nacht der Bücherverbrennung aus einem schwelenden Haufen vernichteter Bücher.
Den Lesenden wird ihre ganze Geschichte in langsamen Schritten nähergebracht. Liesel hat viel zu verkraften: Den Tod des Bruders, die Mutter gibt sie zu Pflegeeltern in einen fremden Ort. Sie kommt in ein kleines Dorf zwischen München und Dachau. Und so erlebt sie auch die endlos scheinenden Märsche der jüdischen KZ-Häftlinge. Aber in allem Unglück ist Liesel niemals jammernd oder sich beklagend dargestellt. Es wird gezeigt, welche schrecklichen Dinge ihr passieren und wie sie mit viel Mut und Menschlichkeit damit umgeht. So sehen wir einen kleinen Ausschnitt der Geschichte des dritten Reiches im Spiegel des Lebens von Liesel und den anderen Bewohnern ihres Dorfes. Die Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit wird umso deutlicher, als der Erzählton unaufdringlich und beinahe emotionslos bleibt. Der Roman erzeugt gerade dadurch starke Gefühle beim Lesenden. ist sicher keine leichte Lektüre, aber es lohnt sich, die Figuren und ihr Schicksal kennenzulernen. Die Bücherdiebin, cbt 2009, ISBN: 978-3570306277, 587 Seiten, 9,95 €. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2009, Kategorie Preis der Jugendjury und dem Jugendbuchpreis Buxtehuder Bulle 2008 Empfohlenes Lesealter: 12 - 15 Jahre.
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Die Pension Eva, Andrea Camilleri
1942 wächst der 13-jährige Nenè im faschistischen Sizilien auf. Nach seinen ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner zwei Jahre älteren Cousine Angela plagt den Jungen das schlechte Gewissen: Er fürchtet die Strafe Gottes für seine sündigen Taten. Zugleich sehnt er sich nach dem Ort, an dem er seine Wünsche und Träume ausleben darf.
Die Pension Eva ist so ein Ort: ein Ort lebendiger Phantasie und zwischen-menschlicher Wärme. Dort entdeckt er seine Liebe zur Literatur - und zu den Frauen. Dort kommt er in Kontakt mit den alle sechs Wochen wechselnden Prostituierten, die quer durch Italien ihre Dienste zu verrichten haben. Nachdem der Vater von Nenès Freund Jacolino die Leitung des Hauses übernimmt, dürfen die Jungen, ohne volljährig zu sein, am Ruhetag hierher kommen, um mit den Prostituierten zu essen und zu trinken und sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Die Pension wird im Krieg zu einem Ort lebendiger Phantasie. Der Autor wurde 1925 in Sizilien geboren und lebt heute in Rom. Seine historischen Romane und Krimis lösten ein regelrechtes Camilleri-Fieber aus. Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen weltweit als Inbegriff sizilianischer Lebensart. Die Pension Eva, rororo 2009, ISBN: 978-3499244728, 173 Seiten, 8,95 €
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Mobbing, Annette Pehnt
Sehr einfühlsam berichtet die Autorin aus ihrer Sicht über ihren gemobbten, oder man müsste wohl eher sagen, gebossten Ehemann und die Einflüsse von Mobbing auf die familiäre Situation. Der Roman besticht bei aller Tragik des familiären und ehelichen Umfelds, durch die ruhige und sachliche Erzählweise eines brisanten Themas und die immer emotional geführten Gespräche darum. Joachim, der Ehemann, war ein Krieger, weswegen sie ihn liebte, ein Besteher, vor dem sie nun angestrengt versucht, nicht den Respekt zu verlieren. Um ihm eine Stütze zu sein vermeidet sie ihn dabei zu beobachten, wie er die Tage verstreichen lässt. Seit Jahren beherrschte der Krieg ihr Leben. Dabei wollte sie es anfangs gar nicht Krieg nennen, schließlich floss weder Blut, noch gab es Tote. Den Kampf hat Joachim verloren, als er nach vier Jahren Mobbing die fristlose Kündigung wie ein unbestreitbares Beweismittel vorlegen kann. Erleichtert, fast triumphierend. Das Buch trifft den Zeitgeist eines immer trostloser und oberflächlicher werdenden Berufsumfelds einer spracharmen und unkritischen Gesellschaft. Mobbing, Piper 2008,
ISBN: 9783492252898, 165 Seiten, 8,99 €
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Kalteis, Andrea Maria Schenkel
Auch der zweite, sehr kurz nach ihrem ersten Kriminalroman Tannöd, erschienene Krimi, besticht durch erzählerischen Einfallsreichtum. Hatte ich mit dem Erstling so meine Leseprobleme, was die sogenannte durchgängige Handlungslinie betrifft, fällt es mir beim aktuellen Werk sehr leicht zwischen polizeilichem oder staatsanwaltlichem Ermittlungsprotokoll zu den Erzählungen der handelnden Personen zu wechseln und dennoch nicht den Strang des Buches zu verlieren. Johann Eichhorn galt als durch und durch pervers. Aktenkundig sind etwa 90 Notzuchtverbrechen – so nannte man Vergewaltigungen in den dreißiger Jahren. Fünf Frauen hat er umgebracht. Wehrte sich das Opfer zu heftig, tötete er es, danach verging er sich an den Leichen. Kalteis, Nautilus 2007,
ISBN: 978-3894015497, 160 Seiten, 12,90 €
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Wer blinzelt hat Angst vor dem Tod, Knud Romer
Weil seine Mutter Deutsche ist, wurde Knud Romer als Kind wie ein Aussätziger behandelt. Der Roman seiner Kindheit hat in Dänemark eine hitzige Debatte ausgelöst. Auf dem Klingelschild an der Tür zu Knud Romers Kopenhagener Wohnung steht ausgerechnet Mustermann. Der Platzhalter des deutschen Herstellers wurde nicht entfernt. Tyskersvin, Deutsches Schwein, wäre vielleicht passender gewesen. Das Buch erzählt von einem, der in der dänischen Provinz mit einem Stigma aufwächst. Und die, die ihn damals schlecht behandelten, kommen dabei nicht gut weg. Manch einer sieht in Romer deshalb wieder ein Deutsches Schwein, schließlich beschreibt er, wie Dänen einen 1960, 15 Jahre nach Kriegsende, geborenen Jungen wegen der Herkunft seiner Mutter Hildegard wie einen Aussätzigen behandeln. Hauptthema des Romans ist nur vordergründig der Deutschenhass der Dänen. Es geht vor allem um die Kindheit eines Jungen, der am Rande steht. In dem Buch können die Leser sich selber als Außenseiter sehen. Polen zum Beispiel oder Eltern behinderter Kinder haben sich bei mir gemeldet und gesagt, dass sie sich erkannt haben. Wer blinzelt hat Angst vor dem Tod, Insel 2007,ISBN: 978-3458173601, 169 Seiten, 16,80 €
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Ein Krokodil für Mma Ramotswe, Alexander McCall Smith
Dies ist der erste Band einer Reihe von Romanen, in denen Mma. Ramotswe, die erste weibliche Privatdetektivin Botswanas, die Hauptrolle spielt. Der Autor - Alexander McCall Smith - wurde in Zimbabwe geboren und lebt inzwischen in Edinburgh. Er hat großen Respekt vor den Menschen in Afrika, die den alten Traditionen verhaftet sind. Auf wunderbar leichte und vergnügliche Weise stellt uns der Autor Botswana mit all seinen Problemen, aber auch mit seinen Schönheiten vor. So lernen wir die verschiedenen typischen Charaktere kennen. Darunter vor allem die vielen hart arbeitenden Frauen. McCall Smith zeigt uns wie respektvoll die Bürger von Botswana miteinander und auch mit ihrem Land umgehen. Dabei hat Mma. Ramotswe immer viel zu tun, damit das auch so bleibt. So sind die Fälle, die sie untersucht, weniger Kriminalfälle, als Studien des gesellschaftlichen Lebens im Lande. Mma. Ramotswe ist nicht begeistert von den neuen westlichen Vorstellungen, welche die alten Traditionen und damit die Menschen aus dem Gleichgewicht bringen. Sie hält zum Beispiel nichts von Abnehmzwang oder Schönheitskonkurrenzen. Für sie sind - ihrem afrikanischen Selbstverständnis nach - andere Werte, wie Fleiß, Ehrlichkeit und vor allem und immer wieder Respekt wirklich wichtig. Der Blick des Autors fällt liebevoll auf die Figuren, natürlich allen voran Mma. Ramotswe und ihren Freund, den Mechaniker J.L.B. Matekoni, die sich gewitzt ihrem Leben stellen. Und auch mal in das Leben anderer eingreifen, wenn es ihnen notwendig erscheint. Ein ungetrübter Lesespaß mit viel Einblick in die nicht immer leichten Verhältnisse dieses afrikanischen Landes. Alexander McCall Smith, Ein Krokodil für Mma. Ramotswe, Bastei Lübbe 2004, ISBN: 978-3404157372, 240 Seiten, 7,90 €
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